Dienstag, 16. Juni 2009
Die Werte des jungen Leidners
Der Verleger an den Leser

Ich heiße euch willkommen, junge Freunde, welche ihr gekommen seid, zu hören von des Schicksals Euresgleichen. Fürwahr dürftet ihr, sofern der eurige Blicke klar, bereits gehört haben von der Person, deren Gedanken so voller Herz und Gefühl. Jenes Jünglings Jad’ in Briefform ist es nun, welche ich im Folgenden mich rühmen darf, zu präsentieren. Voll Eifer suchte ich nach den Fragmenten der Seel dieses Bursch, welche er in des Windes achtloses Wehen warf, welche durch die Katastrophe seines Endes beinah wie treibend Holz in tiefe Schlucht gerissen worden wären und beinah ihr und ich und die Menschheit in ihrer vollen Gänz in nicht enden wollend Klag verfallen wärn. So lasset euch nun Teil haben an seiner innren Welt und uns – euch Suchende different zu mir – unendlichfach bereichern. Leset und begleitet den Weg des jungen Leidners und erlebet sein liebenswertes Wesen, sein Denken, sein Fühlen und die Werte, welche ihn zu Grabe trugen. Begleitet ihn, doch fallet nicht in das tiefe Loch, das ihn verschlang: Dieselbe Stell ist nicht des Fallens End.

Am 1. April,

Karl mein eines Alles, welch Wonne, meiner Sehnsucht zu dir wieder Ausdruck verleihen zu dürfen. Ein Segen, dass unsere Freundschaft, welche ja nun schon seit einigen Jahren auf Distanz verläuft, aber doch so nah erscheint, bis zum heutigen Tage in des Briefes Form am Leben blieb. Und umso mehr brauche ich dich nun. Denn o Graus! Mein neues Heim ist nicht mehr denn ein wüstes Land, grau und trist wie der Sanduhr Sand, welcher das Schreiten, ach das qualvolle todbringend Schreiten der Zeit beschreibt und sich so voller Ohnmacht die Tiefe stürzt. Sprache reicht nicht aus, um dieses Schauspiel farblosen Grauens in seiner Groteske würdig zu inszenieren, doch will ich dir – auch deines Geistes willen – wünschen, dass es bei der laienhaft erscheinend Portraitierung meiner bleiben möge. Denn dein Augenlicht hat – so wünsche ich es dir, mein Freund – noch keine abscheulichere Form menschlichen Hausens erblicken…dürfen? Nein! ….müssen. Die Architektur dieses erbärmlichen Orts allein, welcher sich selbst das Haupt dieses Landes zu nennen wagt, ist eine Schande für die gesamte Menschenheit. Es mag zwar an manchem Ort das Exotikum, das Wunder einer Erscheinung wohlen Stils des Bauens sich ereignen, eines Stiles, welcher in Form und Ausdruck der Eigenschaft, welche den Werken des Bauens dieser Stadt, dem Monumentalen gerecht wird. Doch vorwiegend herrschen blanke Titanen gesichtsloser Stille in den angriffslustigen Schluchten des urbanen Albtraums, welcher mich umgibt. Wenn du mich fragst, ob die Menschen, die in dieser lebensfeindlichen Tundra des Empfindens leben, vielleicht ein Lichtblick in dieser geistigen Grotte seien, so muss ich dies leider unter der schweren Last meines Schicksals verneinen.

Ich ging des vergangenen Abends aus, suchend diese und jene Besorgung für mich, aber auch die wachsamen Augen, welchen ich diese Verdammung schulde, zu tätigen. Wie aussätzig schlich ich durch grausames Lachen, verbittertes Keifen, brennende Blicke, tosendes Drängen. Ich überlebte in mir nur knapp die Hinterhalte, welche mir die den Weg säumend schäumenden Bestien zu stellen versuchten, floh mich in die trügerische Obhut des nächsten Marktes, welcher die Oase des hier vegetierend Abschaums darzustellen versuchte, sich meinem Blicke doch nur als Kloake, als Loch voll Dreck, welcher sich in seiner Erscheinung nur unscheinbar von der Frequentierung der örtlichen Bevölkerung unterscheidet, zeigte. Unter stechendem Schmerz, der mir in Form des Sehens der Unsehenden widerfuhr, begab ich mich in jene hoffnungslose Ansammlung von Dingen, welche im Wort der hier ansässigen Ghule Speis wie Trank gerufen werden. Bereits auf dem dieser Gruft von Plast und Krepp gewidmet Wege stieß mich das human geschimpfte ab, obwohl es keine Worte waren, welche wir zum Austausch boten, sondern nur Gesehenes, nur Geruch, nur die Strahlen unserer Herzen, welche, wie ich glaube, in den Kammern jener Gestalten nicht mehr denn Pumpen, denn die Organe sind, welche ihren kümmerlichen Organismus vor des Todes Pranken wahren. In jenem Mausoleum menschlich Seins hingegen übertraf das Schauspiel, was sich in den dort’gen Hallen bot, das des Weges trefflich, war die Tragödie Quadrat und ums vielfach Exponente mehr und brachte der Trän so nah. Familien von erbärmlicher Erscheinung, Männer, die das Mannsein falsch verstanden, Frauen, welche mich des jenen Ortes irren ließen, welche mir die Frage stellten, ob dies ein Haus des Brotes sei oder es sich – Erschaudern! – um ein Haus der Freuden handle! Im Rahmen dessen, was die meinige Erscheinung wohl an mangelnd Auffall vorzubringen wusste, bewegte ich so sacht als möglich mein Schuhwerk durch das Labyrinth, in dessen Gängen ich – so schien es mir beizeiten – des Minotaurus Schatten erblickt zu haben wüsste. Zwischen Punkt und Punkt und Punkt auf der odysseuswürdig Reise meiner traute ich mich ein, zwei Male, mein Netz des Dialoges, welches Wirkung du dich wohl erinnern mögest, auf denjenig Fisch zu schleudern, wessen äußres Bilde nicht dem Bilde seiner Klasse gleich, sondern eine Attraktion, den Pole Plus zum Pole Minus meines Dünkens zu sein gar (Anm. d. V.: und nicht gedünstet) schien. Doch welch Enttäuschung, welche Schande sich von der Regale Brüstung warf, welch Demut des klinisch Boden reines Antlitz schwärzte! Sie lachten bitter und für sich süß, mit einer Süße, welche Löcher in den schwarzen Stoffe meines Kiltes schmorte! So blieb ich blutend, voller Wunden in mir in des Ganges Lichte stehen – äußerlich! Denn in mir war ich auf den Knien.

Mit den Waren, welche ich erstanden, trottete ich müden Mutes durch Schatten, welche meiner selbst und meinem Inn’ren Verwandtschaft zu bekunden schienen. Wie Tropfen, welche sich des Lebens Müde in die Stalagmitentiefe stürzen, fielen meine Schritte auf den Boden und hallten wie martialisches Sonar von modrig Wänden wider. War es meine Schuld? Ist sie es vielmehr? Was schürt den Hass dieser Menschen, wessen Feuer mir nur möglich ist mit Feuer zu erwidern? Ist es mein Äußeres? Oder doch mein Inneres? Ist es meine Seel, die ohne es zu wollen, den ersten Schritt zur Waffenkammer tat? Die spärlich Lichter meines Weges erleuchteten den Pfade zwar, in mir blieb es jedoch finster. Doch entzündete sich plötzlich etwas andres in mir, als die Lippen eines Engels meine Netzhaut trafen, küssten und entfachten. Mein Wesen stand in Flammen als das ihre mit süßester Zunge sanfte Worte des Grußes fand. Und was tat ich? Ich konnte mich nicht rühren, es kam mir vor, als wäre – paradox! – die Erbin Aphrodites die Medusa! Zaghaft wich mein Blick ihr aus, um in der Ferne der Sterne nach dem richtigen Begriff, um auf dem Mond nach dem Schlüssel zu diesem paradiesisch Tor zu suchen. Und wie ich scheiterte, wie die Turmuhr mein Versagen rief! Höret ihr Leute, höret! Leidner hat versaget, hat verspielet, hat den Ruf der Götter ignoriert! Als ich mein Augenlicht aufhob, zu sehen meinen Schaden, blickte ich bloß in himmlisches Lächeln, in einen Winkel ihres Mundes, der mir affirmierte, was das Getriebe meines Dünkens bereits hatte kombiniert: Überirdisch! Nicht von dieser Welt! Ein Bataillon beflügelter Bogenschützen feuerte Salve um Salve in mein Herz, von dem ich nicht wusste, welch Masochismus in ihm steckt. Der Ohnmacht nah reichte meine Kraft nur aus, zu winken, bevor sie in die Obhut des Daches ihrer Mutter floh. Auf meinem Bette bot mir bloß der weiße Himmel meines Zimmers, meines Refugios halt. Hatte ich meine vergangene Geliebte soeben schamlos hintergangen? War der Rausch, den ich erlebt, der gezackte Dolch, welcher nun das Blut, das Leben aus ihrem Andenken saugte und trieb? Der Zweifel schwang in mir den Kolben tiefer Depression, bohrte sein Florett der Zwietracht der Gefühle mitten in mein armes Herz. O wie die Sehnsucht in mir nach dem Werkzeuge der Barbiere schrie, wie es die Fäden an sich riss, die Kontrolle meiner Hände mir zu nehmen, jene Klingen Dämme süßen Schmerzes sein zu lassen, welche auf Kommando brächen, sodass die Flut meiner Gefühle ebenso geflutet werde und die dunklen Wässer sein verdünnt.

Doch konnte ich dem widerstehen, indem ich mich mit vollsten Kräften wider das Tosen und Wirbeln des Empfindens warf. Ich danke Gott, dass er dich mir schickte, lieber Karl. Du bist mein Phosphorus, mein Helel und Luzifer. Dein Existieren meine Existenz. Ich freue mich bereits auf deine Antwort und darauf, dir von den Ereignissen der nächsten Zeit, welche mit ihren drohenden Schatten bereits meine Sonne verdunkeln, berichten zu dürfen. Finde Orte der Rast in deiner nun währenden Zeit als Prüfling und schreibe mir bald.

Am 10. April,

O Karl, der Alltag in diesem siedenden Pfuhl ist beinahe unerträglich! Mein Unglück breitete sich bereits vier Tage nach des Briefes Zustellung wie ein dekadentes Schwein vor meinen Füßen aus und riss mir den Boden so davon wie es sich selbst durch sein Gewicht in die tiefsten Abgründe des Nichtses riss. Es war die Anstellung, welche mir die Wachsamkeit auf meinen Schultern in den Leibe rammte, deren Pflicht sie mir schneiderten und mich in sie zwängten wie in ein Korsett. Erzählte ich bereits von ihr? Falls ja, so sei zumindest erwähnt – jedes Wort, das ich an jene Sklaverei des Geistes körperlicher Art verlier, ist eh Verschwendung – das jene Arbeit schlicht nicht jener Weise sei, die ich als Quelle meines Brotes würd erkehren. Sie ist unwürdig, einer jeden Persone unwürdig, die sich als mehr betrachtet als ein der Verbrennung vorbestimmter Baum, auf welchen nach der Qual des Fällens noch ein loderndes Inferno wartet. Falls nein, so musst du leider damit leben, den Namen meiner bürdend Tätigkeit bis an meines Endes Tage nie auch nur über die Lippen der Lettern, deren Adressat die deinige Person darstellt, wandern zu erblicken. Wie dem denn auch sei, menschlich wie belastender Art ist die Pflicht, die just die nur noch schwach in meiner Brust verbleibend Leichtigkeit mit einer Gewalt von jedem Sinne frei in ihre Stücke hieb und mich, den David, so ohne Schutz vorm Goliath, vor dem Titan, Koloss mit Namen Leben zurückverbleiben ließ. Diejenigen aus diesem Gebirgsland des Albs, welche sich einbilden, über mir zu stehen, diejenigen, welche sich einbilden, mit mir auf derselben Stuf zu stehen – sie alle wissen nicht, wem sie in das Auge sehen, ohne das Organe zu verwenden, welches wahrhaft trefflicher den dies’gen Dienste tut, mit welchem sie das meinig’ Wesen, mein wahres Ich erfassen könnten. Sie wissen nicht, über wessen Tun, über wessen Handeln sie sich selbst des Richtens bemächtigen, ohne das innere Tun, das innere Sein, Karl, zu beachten. Mein Inneres – ich will, ich muss! an dieser Stelle die Tausend des Danks für die Erlösung von den Ketten der tauben Blindheit stummen Seins, die jene Menschen immer noch zu fesseln pflegen, ganz vollenden – ist für diese Menschen, für deren Bezeichnung als solche man sich vor Gottes Gericht der höchsten Verbrechen zu verantworten haben sollte, doch nicht mehr als Luft, welche dem Zwecke des Seins, des Atmens, des Verheizens! in den abstoßenden schwarzen Tiefen jener Monströsitäten, jener gestaltgewordnen Widerwärtigkeit, Abscheulichkeit, jener Schande des Erdballes dient und das Kollektiv mit ihrem Leben an dem seinigen hält! Es tut mir leid, Karl, dass ich deine Augen, deinen Verstand, dein Gemüt mit solchem dem Sinne freien Schreiben habe beschmutzt. Doch du bist das einzige menschliche Sein, was mir verwandt, wirklich verwandt ist. Nichts, was seinen Körper über die vor Pech und Teer schwarze Rennbahn des Lebens peitscht, vermag zu verstehen, was meinen Verstand matert, meinen Körper zehrt, meine Seele foltert, außer dir. Ich war des gestrigen Tages in einem kleinen Park in einigen Metern Entfernung des Riesen, welchen ich mein Zuhause nennen muss. Ich entdeckte ihn bereits kurz nach meiner Ankunft hier, doch fand ich bisher weder Zeit noch Kraft, meine Schritte gen die geschmeidigen Wege, sanften Flächen belebenden Grüns und sacht wogende Flora zu lenken, welche seine Erscheinung und in meinen Augen eine willkommene Erholung darstellen. So ließ ich mich in der mittlerweile endlich reinkarnierten Sonne nieder, welche meine Entscheidung zu begrüßen schien und die Welt wie mein Gemüt zu erhellen verstärkte. Ich hatte für den Ort meiner Rast auf dem Pfade des zerstörerischen Lebens, welches mich umgibt, ein beschauliches Plätzchen elegiert und dabei in konsequentester Weis’ ein Schilde übersehen, was mich mit aggressiven Lettern und beißender Form von meinem Tun abzuhalten versuchte, es jedoch nicht an meinem Vorhaben vorbei in das Zentrum meines Handelns schaffte. Die Zeiger des naheliegenden Hauses Gottes waren nicht einmal ein dutzend Schritte gegangen, da riss mich ein geifernder Irrer schon wieder auf die Beine, indem er mich zerrte und nebenbei seinen Irrglauben predigte, man solle nicht auf des Rasens Antlitz treten. Ich stimmte in sein Wettern ein und brüllte, was der Quell seines angeblichen Rechtes sei, die Bindung mit meiner geliebten Mutter und ihrem Busen so voller Argwohn mit gezackter Kling zu lösen, sein Beile so rücksichtslos und schreiend in das gemeinsam Fleische ihrer und meiner zu treiben. Runzeln wellte meine Stirn als sein Bellen ein grausames Lachen ward. Was für eine seltsame Wortwahl ihr pflegt, o dunkler Herr, entfuhr es seiner Zunge sinngemäß und wie mir mein kochendes Blut mein Hand antrieb, sie ihm herauszureißen! Doch Leidner, sagt ich, Leidner, du musst dem Locken dieser Diener Satans widerstehen, musst ihre Köder, sich auf ihre niedrig’ Höh’ zu stelln, keines Blickes würd’gen, sei es denn dein Ziel, die Reinheit zu bewahrn. So nahm ich meine Sachen sieben und ließ dem Boten Beelzebubs nur den Anblick meines Rückgrats, welches mit der Galle seiner Worte ebenso beschmutzte, wie er es mit meinem Geiste wähnte. Doch jedem Bösen folgt ein Gutes. Als ich gedrücket von den Lasten dieses Zusammenpralls vierterer Art wie des Öftren durch die Gassen schlich, erblickte ich nicht weit von unserem ersten Treffen mein Licht am Horizont, mein Stern im Dunkel des Universums, mein Nordlicht am Ende der Welt. Welch Segen!, fuhr es durch das Gewinde in meinem Schädel, vor allem nach einer solchen Pein! Ein Zeichen des allmächtigen Herrschers, seines allmächtigen Willens, der allmächtigen Bestimmung, die sich der bloßen Kraft der geringsten Bewegung eines Gliedmaßes seiner alles in den Schatten stellenden Gestalt zu unterwerfen hat? Mir war es gleich. Von feurigem Eifer erfüllt schnellte ich zu ihr, unter zwielichtigem Blicke Gestalten, ihres Blickes gleich, und verneigte mich vor ihr. Wie ihr Name sei, fragte ich. Standhaft errötete sie, floh mit ihrem Blick zu den Schatten längs der Häuserschlucht. Dann blickte sie mir trotzig ins Aug. Lisa, so schüttete sie mir Krüge klanglichen Balsams ins Ohr, sei ihr Name, sagte sie mit der schönsten Stimme, welche ich in meinem ganzen Leben hatte hören dürfen. Ich schaffte es für einen Moment, meinen Blick von ihren Augen von Bernstein zu lösen, und betastete vorsichtigen Blickes die ihrige Erscheinung. Sie trug das Kleid eines sparsamen Schneiders, die Schuhe eines Kuhjungen, die Handschuhe einer Dame und die blonde Haarpracht einer Frau von Adel. Ich fragte sie, was sie in solcher Distanz zu ihrem Heim denn mache? Und mit solchen Wegelagerern, flüsterte ich besorgt. Sie blickte wie ein Has, den eines Pferdes Hufe hat gestreift und gab mit gleicher Kraft des Lauts die Antwort, dass es ihre Brüder seien, wenn zum Teil auch nur im Geiste, mit denen sie des Öftren pflegt Gesellschaft. Überraschung lag im Interjektus, welcher mir sodann entfuhr und Drängen in der flüsternd Frag, welche ich ihr folgend stellte. Wärst du gewillt, o meine Liebe, mich eines Tags der nächsten Zeit in ein Lokal des diesgen Ortes zu begleiten? Mein Herz würd springen, gar zerspringen vor dem größten Glück ins tausendst Teil. Ihr Blick fuhr wenig Grades zweifelnd rum, so schiens. Dann kam ihr Mund dem Ohre meiner nah und flüsterte ein einzig Worte: Ja.

Am Abend dieses Tages schrieb ich ihr auf gleiche Weis wie dir. Wir planten uns an einem Ort zu treffen, dessen Sein nur uns und Gott bekannt. Dass jenes Wesen sich dem meinigen erbarmen würd, hätt ich die Tage vor dem gestrigen nicht gedacht. Doch ist es wahr, so wahr! Die Grenze zwischen Wirklichkeit und Traume weicht, so wahr! Ich werde heut so schlafen, wie ichs gestern tat, Karl: Glücklich, glücklich wie kein Mensch auf dieser Erde, wie keine der Kreaturen dieser Stadt! Bis bald, Karl! Schreibe mir bald wieder, ich werde es dir mit Sicherheit!

Der Vater an Karl

Hallo Karl, es ist jetzt sieben Tage her, seitdem dir Leidner das letzte Mal schrieb und es tut mir leid, sagen zu müssen, dass er dies auch nie wieder tun wird. Der Kontakt mit dir tut ihm nicht gut. Wenn einmal der seltene Fall eintreten sollte, dass es zu einem Gespräch zwischen Leidner und mir kommt, redet er immer nur von dir. Er blockiert total was den Rest seines Lebens angeht. Und dann seine Sprache: Seit ihr beide vor zwei Jahren dieses schreckliche Buch im Deutschunterricht gelesen habt, ist zumindest Leidners Art, sich auszudrücken, nicht mehr wiederzuerkennen. Diese antiquierte Sprechweise mag euch zwar „kool“ (schreibt man das so richtig?) vorkommen, aber ist schlicht und ergreifend nicht alltagstauglich. Wollt ihr euch eigentlich noch mehr von eurem Umfeld abgrenzen, als ihr es sowieso schon durch euren seltsamen Kleidungsstil tut?

„Ich bin jetzt Emo.“ Ich weiß es noch, als wenn es gestern gewesen wäre. Aber damit ist jetzt Schluss. Ich denke, dass Internetverbot zunächst einmal ein Schritt in die richtige Richtung ist. Dadurch seid ihr ja damals erst auf diese dämliche Idee gekommen. Traurig mit ansehen zu müssen, wie der eigene Sohn durch diese verdammten neuen Medien krank gemacht wird. Es tut mir leid, dass ich dich nun zu einer Art Sündenbock erkläre, aber einer muss ja die Schuld an diesem Dilemma haben, denn Hildegard und ich haben für unseren Teil mit Sicherheit keinen Fehler gemacht. Auch unseren letzter Versuch, Leidner auf irgendeine Weise sozial zu integrieren, nachdem er in der zwölften Klasse so abgestürzt ist, ist ja, wie du wahrscheinlich bereits von ihm selbst gehört hast, kläglich gescheitert. Er hatte doch immer so viel Spaß in der Metzgerei meines Bruders… Aber wer weiß, welche Flausen du ihm diesbezüglich wieder einmal in den Kopf gesetzt hast. Ich hoffe nur für uns alle und vor allem für dich, dass Leidner wieder auftaucht, er ist nämlich vor zwei Tagen spurlos verschwunden. Beten wir zu Gott, dass du ihn nicht ins Verderben getrieben hast!

Am 18. April,

es ist seltsam dir auf diese Art zu schreiben, doch die Umstände, Karl, erlauben es nichts anders. Ich frage mich, wie lang es her sei, dass ich dir einen wahrhaften Briefe schrieb, nicht einen solche, welcher der Verhexung der Moderne ist entsprungen. Die Gründe hierfür sind nicht wichtig, wohl aber meines Schicksals Pfade, der Weg, den ich zuletzt beschritt. Ich traf der letzten Tage während Lisa und führte sie im Licht des Mondes gen des Orts, welchen ich bereits erwähnte. Ein stiller See, der die Diskretion bewahrte und vor uns sein Gesicht verbarg, auf dass sein Aug nicht sehen möge die Verbindung, welche sie und ich eingingen. Am End des Abends fragt’ ich sie, ob sie des Willens wär, die unseren Leben zu vereinen. Sie schreckte, blickte rasch ins schwarze Grün. Langsam brachte sie mir bei, dass die Ihren uns, mich! nicht dulden würden, dass mein Schicksal wär besiegelt, dass die Hände mir genommen werden, würden sie sie tragen über meiner Liebe Schwell. Mein Innres brach in sich zusammen, die Pfeiler meines Geistes rissen, warfen um die Büste meiner, schlugen in das bunte Fenster meines Kopfes in die Welt. Das Hologramm der Träume starb, die Illusion der Hoffnung ward ersticket durch des Flammentöters eisern Hauch des Nichts. Ich brachte weniger denn Schweigen nur hervor, doch ihre Reactio der mangelnd Reaktion war klar: Sie legte ihres schwarzen Handschuhpaares Samte um die Hände, die in der Kälte ihr jetzo so entsprachen und ging mit Trauer neben Lösung von dem Dämon, der ich sei, hinaus in der Welten Weite und ließ mich geistig, physisch nackt zurück. Ich war vernichtet und besieget, der Pflocke bohrte mir im Herz. Wieso ist alles, was das Schöne dieser Welt bedeutet, nur des meinen lichtlos Tod?! Morgen ist die Zeit gekommen, Karl, des Schicksals Wange die Revanche zu fordern. Ich werde gehen mit dem strammsten Schritte und den Patriarch um seiner Tochter zartes Händlein fragen. Wünsche mir das Beste und eine gute Nacht, denn die Gassen dieser Stadt, denen ich mir habe anvertraut aus Nöten, drohen mit Eis und Morde mir. Lebe wohl!


Berliner Abendblätter am 19. April

Grausamer Ehrenmord in Berliner Reihenhaus

Am heutigen Nachmittag ereignete sich innerhalb einer Reihenhauswohnung im Ortsteil Marzahn des Berliner Bezirkes Marzahn-Hellersdorf eines der furchtbarsten Verbrechen der letzten Jahre, welches die örtliche Bevölkerung mit seiner Brutalität erschüttert hat. Der 18-jährige Jugendliche Leidner Voltaire hatte dem Vater der ursprünglich aus Hessen stammenden Familie in Gegenwart seiner fünf Söhne seine Liebe zu dessen 17-jähriger Tochter gestanden und um ihre Hand angehalten. Zeugen, welche die sich daraufhin abspielende akustisch wahrgenommen hatten, berichteten, dass der 45-jährige Witwer wohl vor allem an Voltaires Erscheinung, welche der in den letzten Jahren erstarkten Subkulter des „Emo“ entsprach, und der Art seines Ausdruckes, die laut Aussage seines Vaters von Goethes „Werther“-Roman geprägt gewesen sei, etwas auszusetzen hatte.
Als Voltaire daraufhin selbst beleidigend wurde, eskalierte die Situation, als einer der Brüder, welche sich zusammen mit ihrer Schwester im Wohnzimmer der Familie versammelt hatten, ein Messer zückte und in blinder Wut auf den Metzgerlehrling einstach. Notärzte konnten nur noch den Tod des Jungen feststellen, den der 23-jährige Bruder Dieter Q. 37 mal verwundet hatte.
Bereits wenige Stunden nach der öffentlichen Bekanntgabe der Ermittlungsergebnisse der Polizei auf einer Pressekonferenz wurden Stimmen laut, die eine deutschlandweite Beschlagnahmung und Vernichtung des „Werthers“ und eine Überwachung des Internets forderten. Beide Medien hatte der angehende Metzger vor seinem Tode intensiv konsumiert und, wie Medienexperten und Kriminologen schließen, daraufhin in sein Ende getrieben.
In ganz Berlin wird morgen eine Schweigeminute gehalten werden, um sich mit den Eltern des Jungen zu solidarisieren und zu zeigen, dass auch sie nicht verstehen können, wie es zu so einer Tat kommen konnte.

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