Das Weinen der Wolken
am Mittwoch, 24. Juni 2009, 18:50
Irgendwo in den unendlich wirkenden Weiten der Welt östlich des Mississippi lag eine Klein-stadt, die, vom klebrigen Schein der Sonne von der Schwärze ihres Daseins in der unvorstell-baren Weite des Kosmos befreit, immer noch ziemlich öde wirkte. Es handelte sich um eine kleine Ansammlung von altmodischen Häusern, die in ihrer Erscheinung einer sumpfigen Waldlandschaft glich, die hier und da durch die reißenden Ströme erstarrten Teers in wenige Inseln geteilt wurde. Auf den Kalendern der Stadt war überwiegend zum Blatt des Julis ge-blättert worden, aber dennoch schienen sich erhebliche Prozente der Bevölkerung noch im Winterschlaf zu befinden, denn auf den Straßen hielt man eine permanente Schweigeminute, beschwor das Nichts in einer nicht endenden Séance die Geisterstadt, in die sich diese urbane Wüste langsam aber sicher verwandelte.
Auf einem der zahlreichen, kunstvoll gearbeiteten Balkone dagegen ließ man gelassen den Blick über die roten und schwarzen Dächer der kleinwüchsigen Skyline und über Studien der Germanistik wandern. Es waren zwei Schwestern, die ungefähr 6 Meter über dem Erdboden nur eines gemein hatten: Die Zigarette in der linken Hand.
„Ist es nicht schön, mal wieder hier zu sein?“, brach die jüngere, am Geländer stehende Schwester die leere, ewige Stille der letzten Stunden. „Ja.“ Erwiderte ihre Germanistikstuden-tin kurz angebunden und blätterte zur nächsten Seite ihres Totschlägers mit dem Titel „Pan-theismus und Geniebegriff – Die naturbegründete Philosophie in den Werken der Literaten der Epoche des Sturm und Drang“. Ihre kleine Schwester seufzte leise. Aber Anna war auch nichts anderes gewohnt von ihrer großen Schwester Isabel. Wirkliche Kommunikation hatte es zwischen ihnen nie gegeben. Gut, da waren die vereinzelt auftretenden Austäusche über die letzte Party oder das, was der und der über die und die da und da dann und dann gesagt hatte. Aber da hörte es halt auch schon auf. „Isabel! Anna! Essen!“ „Wir kommen ja schon!“
Die beiden Mitte-20-Jährigen waren über die Semesterferien bei ihren Eltern zu Besuch. Es war schon lange her, dass sie einen Fuß in das verschlafene Städtchen gesetzt hatten. Nach dem Abitur war jede der Schwestern sofort ins Studium gegangen. Und da der Stoff und die Nebenjobs nicht viel Zeit übrig ließen, war jeder ungenutzte Tag eine Gefahr für den Studien-erfolg.
Vorsichtigen Schrittes stiegen Anna und Isabel die morsche Treppe herab, vorbei an Frag-menten einer wechselhaften Jugend. Verblassende Bilder von Verwandten, Fotos aus Kinder-tagen, Trophäen einer tränenreichen Schlacht, des Lebens. Anna sah auch einige Bilder ihrer alten Freunde. Von fast allen hatte sie seit dem Abitur nicht mehr viel gehört. Es war doch anders gekommen, als sie es sich vorgenommen hatten: Die Distanz hatte vieles zerstört.
Am Küchentisch herrschte zunächst Schweigen. In den bisherigen drei Tagen ihres Besuches hatten sie eigentlich bereits alles gesagt, was es zu sagen gab. So kam es Anna zumindest vor. Ihre Mutter, eine schlanke Frau Anfang 50, wirkte dieser Tage sehr mit sich selbst beschäftigt, ihr Vater war auf Geschäftsreise. Die Stille schmerzte Anna. Was war bloß los?
„Ist irgendwas vorgefallen in der letzten Zeit?“, fragte sie zwischen zwei Bissen, schlecht Beiläufigkeit heuchelnd. Eine faltige Stirn ward kraus. „Nun, ich denke, nicht mehr als das, von dem ich euch bereits erzählt habe“, argwöhnisch tupfte sie sich mit der Serviette den Mund ab, „Wie kommst du darauf, mein Kind? Ist irgendetwas anders als sonst?“ Das war der Punkt. War es jemals anders gewesen? Hatte man sich jemals mehr zu sagen gehabt? Ein Schweißtropfen perlte an ihrer Stirn ab. Sie wusste es nicht.
Am Abend saß sie am Fluss, der am Rande der Stadt entlang floss und an dem sie vieles erlebt hatte. Das sanfte Rauschen, die Ungezwungenheit dieses bisschen Wassers war wie eine Be-freiung von der dunklen Atmosphäre, die über ihrem Elternhaus schwebte. In ihrem Studium hatte sie selten zurückgedacht. Sechs Semester Jura – drei Jahre, in den sie vielleicht vier Dut-zend Mal zuhause angerufen hatte. Was war passiert in dieser Zeit, dass sie nichts von all dem hier wieder erkannte? War ihre Schwester schon immer eine solch oberflächliche, fixierte Person gewesen? Hatte sie schon immer so wenig mit ihrer Mutter reden können? Und die Stadt: Früher hatte das Leben hier doch so pulsiert, die Menschen hatten zusammengehalten, waren eine Gemeinschaft, auf den Straßen war jederzeit gelacht und geredet worden, man hatte sich ausgetauscht und zusammen gelebt. Doch heute war sie in einer Stadt der Toten.
Traurig blickte sie ins blaue Fließen und griff in die Halme, bis sie sich plötzlich aufschreckte.
Ein Wagen war mit quietschenden Reifen zum Stehen gekommen. Sie stand auf, als ein groß gewachsener, grauhaariger Mann ausstieg und sie mit einer Hand auf der Tür ins Auto winkte. Es war ihr Vater.
Es vergingen einige Momente, in denen sie bei abgestecktem Schlüssel stumm nebeneinander saßen. Draußen klopften einige Regentropfen an die Scheibe und erbaten Asyl.
„Ich dachte, du wärst geschäftlich unterwegs?“, eröffnete Anna das so überfällige Gespräch. Es war wie ein Schlag ins Gesicht, als ihre Mutter ihr von der Abwesenheit und der „unerwar-teten, dringenden Reise“ ihres Vaters berichtete. „Nun, in jedem Fall bin ich unterwegs“, sein Gesicht wandte sich vom Regen zu ihr, „um etwas abzuschließen.“
Eine angespannte Pause trat ein. Nur der Regen und der baufällige Kirchturm trauten sich, die Stille zu brechen.
„Anna, ich habe deine Mutter verlassen. Eine Woche, nachdem du nach Freiburg aufgebro-chen bist.“
Sie stieg aus und lief. Lief, wie sie noch nie gelaufen war, genauso wie sie noch nie so verletzt worden war.
Im Zuhause, das nun nicht mehr ihr Zuhause war, stürmte sie vorbei an ihrer verwunderten Mutter die Treppe hinauf in ihr altes Zimmer. Sie erschreckte sich, als sie auf ihre Schwester traf. „Oh, hast du geweint? Was ist denn passiert?“ „Wusstest du, dass er sie verlassen hat?!“ Isabel wirkte erschrocken. Zum ersten Mal in ihrem Leben schien ihre Maske, ihr Schutz-schild einen Riss bekommen zu haben. „Ja, ich wusste es. Ich war doch vor zwei Jahren schon mal wieder hier gewesen. Da hat sie es mir erzählt.“ In Annas Kopf brodelte ein Sud von Hass und Trauer, Schmerz und Enttäuschung. Benommen von brennenden Emotionen wandte sie sich wieder zur Tür. Die Rufe ihrer Schwester nahm sie nicht mehr wahr.
Sie floh auf den Dachboden, schloss die Tür zur Treppe drei Mal ab und verschanzte sich zwischen einigen vergilbten Büchertürmen. Salz- und Regenwasser vermischten sich in ihrer Kleidung. Zufällig fiel ihr eines der alten Bücher auf. Ehemals rot, mittlerweile gelb-orange stand „Annas Logbuch“ darauf. Auf der letzten beschriebenen Seite stand ein Zitat ihres Va-ters.
„Die Wolken sind der Spiegel alles Schlechten der Menschheit, von Lügen, Heuchelei und Leid. Sie wachsen beständig, werden größer, reisen durch die Lande. Unschuldig sind sie und so weiß wie sie scheint auch ihre Weste. Doch wenn ein gewisser Punkt des Lügens und der Scheinheiligkeit überschritten ist, dann enthüllt sich ihr wahres, schwarzes Gesicht. Und dann weint und zürnt und trauert der Himmel.“
Auf einem der zahlreichen, kunstvoll gearbeiteten Balkone dagegen ließ man gelassen den Blick über die roten und schwarzen Dächer der kleinwüchsigen Skyline und über Studien der Germanistik wandern. Es waren zwei Schwestern, die ungefähr 6 Meter über dem Erdboden nur eines gemein hatten: Die Zigarette in der linken Hand.
„Ist es nicht schön, mal wieder hier zu sein?“, brach die jüngere, am Geländer stehende Schwester die leere, ewige Stille der letzten Stunden. „Ja.“ Erwiderte ihre Germanistikstuden-tin kurz angebunden und blätterte zur nächsten Seite ihres Totschlägers mit dem Titel „Pan-theismus und Geniebegriff – Die naturbegründete Philosophie in den Werken der Literaten der Epoche des Sturm und Drang“. Ihre kleine Schwester seufzte leise. Aber Anna war auch nichts anderes gewohnt von ihrer großen Schwester Isabel. Wirkliche Kommunikation hatte es zwischen ihnen nie gegeben. Gut, da waren die vereinzelt auftretenden Austäusche über die letzte Party oder das, was der und der über die und die da und da dann und dann gesagt hatte. Aber da hörte es halt auch schon auf. „Isabel! Anna! Essen!“ „Wir kommen ja schon!“
Die beiden Mitte-20-Jährigen waren über die Semesterferien bei ihren Eltern zu Besuch. Es war schon lange her, dass sie einen Fuß in das verschlafene Städtchen gesetzt hatten. Nach dem Abitur war jede der Schwestern sofort ins Studium gegangen. Und da der Stoff und die Nebenjobs nicht viel Zeit übrig ließen, war jeder ungenutzte Tag eine Gefahr für den Studien-erfolg.
Vorsichtigen Schrittes stiegen Anna und Isabel die morsche Treppe herab, vorbei an Frag-menten einer wechselhaften Jugend. Verblassende Bilder von Verwandten, Fotos aus Kinder-tagen, Trophäen einer tränenreichen Schlacht, des Lebens. Anna sah auch einige Bilder ihrer alten Freunde. Von fast allen hatte sie seit dem Abitur nicht mehr viel gehört. Es war doch anders gekommen, als sie es sich vorgenommen hatten: Die Distanz hatte vieles zerstört.
Am Küchentisch herrschte zunächst Schweigen. In den bisherigen drei Tagen ihres Besuches hatten sie eigentlich bereits alles gesagt, was es zu sagen gab. So kam es Anna zumindest vor. Ihre Mutter, eine schlanke Frau Anfang 50, wirkte dieser Tage sehr mit sich selbst beschäftigt, ihr Vater war auf Geschäftsreise. Die Stille schmerzte Anna. Was war bloß los?
„Ist irgendwas vorgefallen in der letzten Zeit?“, fragte sie zwischen zwei Bissen, schlecht Beiläufigkeit heuchelnd. Eine faltige Stirn ward kraus. „Nun, ich denke, nicht mehr als das, von dem ich euch bereits erzählt habe“, argwöhnisch tupfte sie sich mit der Serviette den Mund ab, „Wie kommst du darauf, mein Kind? Ist irgendetwas anders als sonst?“ Das war der Punkt. War es jemals anders gewesen? Hatte man sich jemals mehr zu sagen gehabt? Ein Schweißtropfen perlte an ihrer Stirn ab. Sie wusste es nicht.
Am Abend saß sie am Fluss, der am Rande der Stadt entlang floss und an dem sie vieles erlebt hatte. Das sanfte Rauschen, die Ungezwungenheit dieses bisschen Wassers war wie eine Be-freiung von der dunklen Atmosphäre, die über ihrem Elternhaus schwebte. In ihrem Studium hatte sie selten zurückgedacht. Sechs Semester Jura – drei Jahre, in den sie vielleicht vier Dut-zend Mal zuhause angerufen hatte. Was war passiert in dieser Zeit, dass sie nichts von all dem hier wieder erkannte? War ihre Schwester schon immer eine solch oberflächliche, fixierte Person gewesen? Hatte sie schon immer so wenig mit ihrer Mutter reden können? Und die Stadt: Früher hatte das Leben hier doch so pulsiert, die Menschen hatten zusammengehalten, waren eine Gemeinschaft, auf den Straßen war jederzeit gelacht und geredet worden, man hatte sich ausgetauscht und zusammen gelebt. Doch heute war sie in einer Stadt der Toten.
Traurig blickte sie ins blaue Fließen und griff in die Halme, bis sie sich plötzlich aufschreckte.
Ein Wagen war mit quietschenden Reifen zum Stehen gekommen. Sie stand auf, als ein groß gewachsener, grauhaariger Mann ausstieg und sie mit einer Hand auf der Tür ins Auto winkte. Es war ihr Vater.
Es vergingen einige Momente, in denen sie bei abgestecktem Schlüssel stumm nebeneinander saßen. Draußen klopften einige Regentropfen an die Scheibe und erbaten Asyl.
„Ich dachte, du wärst geschäftlich unterwegs?“, eröffnete Anna das so überfällige Gespräch. Es war wie ein Schlag ins Gesicht, als ihre Mutter ihr von der Abwesenheit und der „unerwar-teten, dringenden Reise“ ihres Vaters berichtete. „Nun, in jedem Fall bin ich unterwegs“, sein Gesicht wandte sich vom Regen zu ihr, „um etwas abzuschließen.“
Eine angespannte Pause trat ein. Nur der Regen und der baufällige Kirchturm trauten sich, die Stille zu brechen.
„Anna, ich habe deine Mutter verlassen. Eine Woche, nachdem du nach Freiburg aufgebro-chen bist.“
Sie stieg aus und lief. Lief, wie sie noch nie gelaufen war, genauso wie sie noch nie so verletzt worden war.
Im Zuhause, das nun nicht mehr ihr Zuhause war, stürmte sie vorbei an ihrer verwunderten Mutter die Treppe hinauf in ihr altes Zimmer. Sie erschreckte sich, als sie auf ihre Schwester traf. „Oh, hast du geweint? Was ist denn passiert?“ „Wusstest du, dass er sie verlassen hat?!“ Isabel wirkte erschrocken. Zum ersten Mal in ihrem Leben schien ihre Maske, ihr Schutz-schild einen Riss bekommen zu haben. „Ja, ich wusste es. Ich war doch vor zwei Jahren schon mal wieder hier gewesen. Da hat sie es mir erzählt.“ In Annas Kopf brodelte ein Sud von Hass und Trauer, Schmerz und Enttäuschung. Benommen von brennenden Emotionen wandte sie sich wieder zur Tür. Die Rufe ihrer Schwester nahm sie nicht mehr wahr.
Sie floh auf den Dachboden, schloss die Tür zur Treppe drei Mal ab und verschanzte sich zwischen einigen vergilbten Büchertürmen. Salz- und Regenwasser vermischten sich in ihrer Kleidung. Zufällig fiel ihr eines der alten Bücher auf. Ehemals rot, mittlerweile gelb-orange stand „Annas Logbuch“ darauf. Auf der letzten beschriebenen Seite stand ein Zitat ihres Va-ters.
„Die Wolken sind der Spiegel alles Schlechten der Menschheit, von Lügen, Heuchelei und Leid. Sie wachsen beständig, werden größer, reisen durch die Lande. Unschuldig sind sie und so weiß wie sie scheint auch ihre Weste. Doch wenn ein gewisser Punkt des Lügens und der Scheinheiligkeit überschritten ist, dann enthüllt sich ihr wahres, schwarzes Gesicht. Und dann weint und zürnt und trauert der Himmel.“